Jugendliche stärker von Arbeitslosigkeit betroffen

Berufslehre: (k)ein Auslaufmodell?!

Martin Gysi am 08.09.2009

hinweisfinger

Ende August waren in der Schweiz über 150000 Personen arbeitslos, das entspricht einer Quote von knapp 4%. Derart hoch war die Arbeitslosenquote seit 2006 nicht mehr. Stark betroffen ist diesmal auch die Jugend: Bei den unter 20-jährigen erreichte die Quote fast 4%, bei den 20- bis 24-jährigen sogar über 6%. Das hat verschiedene Ursachen und kann nicht einfach gelöst werden, indem die duale Berufsbildung abgeschafft wird, wie dies die Akademien der Wissenschaften Schweiz fordern. Auch Johann Schneider-Ammann wehrt sich gegen die Vision der Akademien. Wie gut das System "Berufslehre" in der Schweiz funktioniert, zeigen doch auch die Resultate an den kürzlich zu Ende gegangenen Worldskills in Calgary.

Was die Experten dazu sagen:

Aus- und Weiterbildung

/>1.) "Je mehr Akademiker ausgebildet werden, desto höher wird das Risiko zur Arbeitlosigkeit", sagt Urs Keller, Rektor der ABB Technikerschule, und ergänzt: "So stellt man fest, dass wir in der französischen Schweiz prozentual mehr Hochschulabsolventen und auch wesentlich mehr Arbeitslose haben."" />2.) "Es hat keinen Sinn sich gegen den Zeitgeist zu stellen", bemerkt Willi Lindner, Schulleiter Höhere Fachschule für Technik des Kantons Solothurn. Da hilft nur eins: "Es muss zuerst (viel) schlechter gehen, damit es wieder besser geht. Vielleicht ist die OECD auch bestrebt, die Arbeitslosenquoten aller Mitgliedländer anzugleichen?"" />3.) "Der Berufslehre muss Sorge getragen werden", sagt Christian Müller, Mitglied Schulleitung vom Zentrum für berufliche Weiterbildung in St. Gallen und ergänzt: "Sie ist keineswegs Auslaufmodell. Die Wirtschaft verlangt verantwortungsbewusste Berufsfachleute mit Selbst-ständigkeit und Handlungskompetenz."

 

Wirtschaft und Politik

a>Der Bildungspolitiker Rudolf Strahm zählt die Berufsausbildung zu den wichtigsten Faktoren für den Wohlstand der Schweiz. Zu seinem Buchtitel “Warum wir so reich sind” gibt auch gleich selber eine Antwort: “Dank der Berufsbildung”. Infos und Bestellmöglichkeit.

Kommentare

Barbara Fischer Mittwoch, 09.09.2009

Bei den unter 25jährigen hat die Schweiz mit etwas mehr als 4% die tiefste Jugendarbeitslosigkeit.
(Durchschnitt Europa: 19%)

Im Vergleich:
Deutschland: 11%
Italien: 25%
Amerika: 17%
Grossbritannien: 19%
Spanien (Spitzenreiter): 37%

SECO und BBT fügen ihrer Statistik aussdem an: "Die Arbeitslosendauer ist unterdurchschnittlich. Nur rund die Hälfte der Jugendlichen sind länger als vier Monate auf Stellensuche."

(Quellen: SECO und Eurostat)

Urs Keller Mittwoch, 09.09.2009

Länder mit einer guten dualen Bildung und einer höheren Berufsbildung wie die Schweiz gehören zu den führenden wirtschaftlich attraktivsten Länder der Welt.
Je mehr Akademiker ausgebildet werden, desto höher wird das Risiko zur Arbeitlosigkeit und somit Armut oder sogar Sozialhilfeabhängigkeit.
Vergleicht man die Anzahl Hochschulabsolventen und Arbeitslosigkeit in der Scheiz so stellt man fest, dass wir in der französischen Schweiz prozentual mehr Hochschulabsolventen und auch wesentlich mehr Arbeitslose haben als in der deutschsprachigen Schweiz.

Dank dem praktisch ausgerichteten Berufsbildungs- und Weiterbildungssystem hat die schweizerische Industrie eine hohe Wertschöpfung und gehört dank der Arbeitspräzision, der "Swissness der Arbeit", international zu den konkurrenzfähigsten.

Es braucht Ingenieure, wissenschaftliche Spezialisten aber auch gut ausgebildetete Techniker - und es braucht auch Fachleute, welche die Innovationen mit Präzisionsarbeit und mit ihren grossen praktischen Erfahrungen termingerecht und erfolgreich umsetzen.

Urs Keller
Rektor der ABB Technikerschule

Barbara Fischer Donnerstag, 10.09.2009

Auf sein Buch "Warum wir so reich sind" gibt Rudolf Strahm eine Antwort: "Dank der Berufsbildung".
Infos und Bestellmöglichkeit: http://www.hep-verlag.ch/course/view.php?id=709

Christian Müller Donnerstag, 10.09.2009

Der Berufslehre muss Sorge getragen werden, sie ist keineswegs ein Auslaufmodell. Die Wirtschaft verlangt in allen drei Erwerbssektoren nach verantwortungsbewussten Berufsfachleuten mit hoher Selbständigkeit und Handlungskompetenz (Umsetzungsstärke).

Christian Müller, Mitglied Schulleitung, ZbW - Zentrum für berufliche Weiterbildung, St. Gallen

Barbara Fischer Donnerstag, 10.09.2009

Ein Bericht von NZZ-Online zum Thema "Die Ingenieurwissenschaften sind wieder gefragt":
http://www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/die_ingenieurwissenschaften_sind_wieder_gefragt_1.3528711.html

Affolter Peter Freitag, 11.09.2009

BACHELOR KLEMPNER

Weissbuch Bildung Schweiz 2030:
40 Seiten, kein grosser Wurf, keine Vision, nicht viel Neues- wen soll das gestelzt geschriebene Papier denn erreichen? Was soll es bewirken?
Offenbar wurde da etwas niedergeschrieben ohne inneres Feuer.
Es müssten unbedingt Erfahrungen von Leuten aus den „für die rohstoffarme Schweiz so wichtigen und anspruchsvollen Innovationsbereichen“ einfliessen, man darf die für die Zukunft der Schweiz wichtigen Bildungskonzepte nicht prioritär von Elfenbeintürmen her bestimmen lassen.
Das Niveau anheben? Ja sicher, aber überall, und qualitativ. Das solide Erarbeiten von langfristig nutz- und wirksamen Kompetenzen auf a l l e n Stufen ist gefragt.

Wozu ein „Bachelor-Klempner“ wie ein Schweizer Professor neulich im Deutschlandfunk angeregt hat?
Stellen-Bewerbungsgespräche mit den Absolventen von Bologna-Studiengängen sind oft erschreckend: es wird nicht einmal mehr elementares Kopf-Handwerkszeug beherrscht, nicht etwa weil die BewerberInnen „dümmer“ geworden wären, aber weil heute einige Studiengänge schwerpunktmässig angelegt sind aufs Sammeln von Creditpoints, aufs Aneignen von kurzlebigen Prüfungsstoffen und aufs Erstellen von grafisch ansprechenden, mit viel Niveaufirnis garnierten, inhaltlich aber mageren Berichten und eloquent vorzutragenden Powerpoint-Präsentationen.

Kluge, kompetente und in modernsten Techniken trainierte „Kopfhandwerker“- auch Spengler (nicht studierte Klempner-Bachelors), exzellente Konstrukteure und brillante ForscherInnen werden sicher auch nach 2030 noch gefragt sein.
Wir müssen uns in der Schweiz nach wie vor inhaltlich abheben, nicht nivellieren auf irgendwelche mittelmässige Standards und aufgeblasene Berufs-Bezeichnungen, wir müssen qualitativ besser sein und bei aller Weltoffenheit konkurrenzfähig bleiben, immer einen Vorsprung haben und unsere Stärken nicht blauäugig verscherbeln.

Peter Affolter, Grossaffoltern

Zeitschrift Technica - Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie » «Die Berufslehre im Dual-System ist “la voie royale”» Dienstag, 15.09.2009

[...] Moor bezieht sich mit seiner Aussage auf die Debatte zur Zukunft der Berufsausbildung bzw. zum Szenario der Akademien der Wissenschaften Schweiz. Diese haben Ende August ein Weissbuch [...]

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